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<title>Doppeldenk</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Doppeldenk</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p><b>Doppeldenk</b> (engl. <i>doublethink</i>; in älteren Übersetzungen: <i>Zwiedenken</i>) ist ein <a href="Neusprech" title="Neusprech">Neusprech</a>-Begriff aus dem <a href="Dystopie" title="Dystopie">dystopischen</a> Roman <i><a href="1984_(Roman)" title="1984 (Roman)">1984</a></i> von <a href="George_Orwell" title="George Orwell">George Orwell</a> und beschreibt eine Art widersprüchlichen <a href="Denken" title="Denken">Denkens</a>, von dem gesagt wird, dass zu seinem Verständnis <i>Doppeldenk</i> selbst die Voraussetzung bilde. Durch dieses propagierte Denken, bei dem zwei <a href="Kontradiktion" title="Kontradiktion">widersprüchliche</a> oder sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen aufrechtzuerhalten und beide zu akzeptieren sind, setzt die herrschende Kaste die Gesetze der Logik außer Kraft. Dadurch wird das Denken der Parteimitglieder schwammig und in Zweideutigkeit gehalten, wodurch schnelle Kurswechsel des Regimes auf eigentümliche Weise sofort akzeptiert werden können, auch wenn es sich dabei um das genaue Gegenteil der zuvor noch „gültigen Wahrheit“ handelt, etwa bei abrupten Wechseln der Feindbilder oder der politischen Losungen.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Das schließt mit ein: Absichtlich <a href="L%C3%BCge" title="Lüge">Lügen</a> zu erzählen und aufrichtig an sie zu glauben; jede beliebige <a href="Tatsache" title="Tatsache">Tatsache</a> zu vergessen, die unbequem geworden ist, und dann, falls es wieder nötig ist, sie aus der Vergessenheit zurückzuholen; so lange wie nötig die Existenz einer objektiven <a href="Realit%C3%A4t" title="Realität">Realität</a> zu leugnen und gleichzeitig die Realität zu akzeptieren, die man verleugnet.
</p>

<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Staatliche_Realitätskontrolle"><span id="Staatliche_Realit.C3.A4tskontrolle"></span>Staatliche Realitätskontrolle</h2></div>
<p>Wie Orwell in <i>1984</i> erklärt, könnte die <a href="Einheitspartei" title="Einheitspartei">Partei</a> ihre unnachgiebige Kontrolle über die Macht nicht erhalten, ohne deren Bevölkerung psychisch zu schädigen und sie permanenter <a href="Propaganda" title="Propaganda">Propaganda</a> auszusetzen. Und doch könnte das Erkennen dieser Unmenschlichkeit und Täuschung, selbst innerhalb der Partei, als Folge der allgemeinen Empörung zu einer Implosion der Staatsstruktur führen. Aus diesem Grund verwendet die perfektionierte Regierungsform nach Orwells Vorstellung ein komplexes System der Realitätskontrolle. Obwohl der Roman hauptsächlich für die totale Überwachung des Alltags bekannt ist, wurden die Menschen in erster Linie durch diese <a href="Kognition" title="Kognition">kognitive</a> Realitätskontrolle in Schach gehalten. Realitätskontrolle bedeutete die Fähigkeit, die Bevölkerung durch die Veränderung alltäglichen Sprechens und Denkens zu kontrollieren und manipulieren. <a href="Neusprech" title="Neusprech">Neusprech</a> war die Methode, das Denken über die Sprache zu kontrollieren. Doppeldenk war die Methode, das Denken unmittelbar zu manipulieren.
</p><p>Doppeldenk war eine Art von <a href="Konditionierung" title="Konditionierung">konditionierter</a>, absichtlicher Verneinung innerer Widersprüche der vorherrschenden Staatsideologie. Im Fall von Winston Smith, Orwells <a href="Protagonist" title="Protagonist">Protagonist</a>, bedeutete dies im <i>Ministerium für Wahrheit</i> zu arbeiten, potenziell <a href="Subversion" title="Subversion">subversive</a> Daten im Staatsarchiv zu löschen, und dann wirklich an die neue Version glauben zu können, die er selbst verfasst hatte.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Selbsttäuschung_durch_Realitätsverschiebung"><span id="Selbstt.C3.A4uschung_durch_Realit.C3.A4tsverschiebung"></span>Selbsttäuschung durch Realitätsverschiebung</h2></div>
<p>Infolge des Doppeldenks war die Partei nicht nur in der Lage, ihre eigene Bevölkerung militärisch zu terrorisieren und ihre Staatsbürger davon zu überzeugen, die Angriffe seien <a href="Falsche_Flagge" title="Falsche Flagge">vom Feind veranlasst</a> worden, sondern auch sämtliche Parteimitglieder, selbst diejenigen, die die Angriffe befohlen hatten, waren in der Lage zu glauben, dass die terroristischen Angriffe von außerhalb gesteuert worden waren. Außerdem erlaubte das Doppeldenk der Partei großartige Zielvorstellungen und eine realistische <a href="Erwartung_(Soziologie)" title="Erwartung (Soziologie)">Erwartungshaltung</a> gleichermaßen aufrechtzuerhalten:
</p>
<div class="Vorlage_Zitat" style="margin:1em 40px;">
<div style="margin:1em 0;"><blockquote style="margin:0;">
<p>„Wenn man herrschen will, so muss man fähig sein, seinen <a href="Realit%C3%A4t" title="Realität">Realitätsbezug</a> zu verschieben, denn das Geheimnis von Herrschaft besteht darin, an seine eigene Unfehlbarkeit zu glauben, und dies zu verbinden mit der Fähigkeit aus gemachten Fehlern zu lernen.“
</p>
</blockquote>
</div></div>
<p>Auf diese Weise konnte jedes Parteimitglied eine glaubwürdige Schachfigur sein, ohne je in Ermangelung relevanten Wissens zu sein. Die Partei ist sowohl fanatisch als auch gut informiert und würde deshalb kaum stagnieren oder verweichlichen und kollabieren. Das „Töten des <a href="Bote" title="Bote">Kuriers</a>“ kann die Kommando- und Kontrollstruktur konventioneller totalitärer Machtapparate stören, würde sich aber in einem derartigen System nicht auswirken. Das Doppeldenk funktionierte also als Schlüsselwerkzeug der <a href="Parteidisziplin" title="Parteidisziplin">Parteidisziplin</a>, zur Staatspropaganda und als Ergänzung zum Polizeiapparat. Zusammen vermochten es diese Werkzeuge die staatliche Bösartigkeit nicht nur vor der Bevölkerung zu verbergen, sondern auch vor der Regierung selbst, jedoch ohne die Konfusion und <a href="Desinformation" title="Desinformation">Desinformation</a>, die mit primitiveren totalitären <a href="Regime" title="Regime">Regimes</a> in Verbindung gebracht werden. Das Doppeldenk war wesentlich für die Fähigkeit der Parteimitglieder, die wahren Absichten der Partei erkennen zu können, ohne vor diesen Absichten schuldbewusst zurückzuschrecken.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Begriffsgeschichte">Begriffsgeschichte</h2></div>
<p>Orwell kritisierte als Kolumnist der Zeitung Tribune seit den späten 1930er Jahren die häufig wechselnden Positionen der englischen Intellektuellen gegenüber der damaligen Sowjetunion.<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> In dem mehrseitigen Beitrag <i>In Front of Your Nose</i> fasste er im März 1946 an zeitgenössischen Beispielen wesentliche Merkmale des Doppeldenkens zusammen, verwendete aber dieses Kunstwort noch nicht: „Medically, I believe, this manner of thinking is called schizophrenia: at any rate, it is the power of holding simultaneously two beliefs which cancel out. Closely allied to it is the power of ignoring facts which are obvious and unalterable, and which will have to be faced sooner or later. It is especially in our political thinking that these vices flourish.“<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Psychotherapie_und_kognitive_Dissonanz">Psychotherapie und kognitive Dissonanz</h2></div>
<p>Im Verlaufe der Jahre, seit der Publikation von <i><a href="1984_(Roman)" title="1984 (Roman)">1984</a></i>, wurde der Begriff des Doppeldenks zum Synonym der psychischen Entlastung, die durch das einfache Ignorieren des Widerspruchs zweier Sichtweisen erfolgt (<i>siehe auch:</i> <a href="Kognitive_Dissonanz" title="Kognitive Dissonanz">kognitive Dissonanz</a>). Einige psychotherapeutische Schulen, wie die <a href="Kognitive_Verhaltenstherapie" title="Kognitive Verhaltenstherapie">Kognitive Verhaltenstherapie</a>, ermutigen die Patienten zur Modifikation ihres Denkens, um unterschiedliche psychische Störungen zu therapieren, die durch das Ignorieren von Widersprüchen aufrechterhalten werden (<i>siehe auch:</i> <a href="Kognitive_Verzerrung" title="Kognitive Verzerrung">kognitive Verzerrung</a>).<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Siehe_auch">Siehe auch</h2></div>
<ul><li><a href="Framing_(Sozialwissenschaften)" title="Framing (Sozialwissenschaften)">Framing (Sozialwissenschaften)</a>, <a href="Reframing" class="mw-redirect" title="Reframing">Reframing</a></li>
<li><a href="Double_Bind" class="mw-redirect" title="Double Bind">Double Bind</a>, <a href="Selektive_Wahrnehmung" title="Selektive Wahrnehmung">Selektive Wahrnehmung</a></li>
<li><a href="Agenda_Setting" title="Agenda Setting">Agenda Setting</a></li>
<li><a href="Spaltung_(Psychologie)" title="Spaltung (Psychologie)">Spaltung (Psychologie)</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Hans-Christoph_Schr%C3%B6der" title="Hans-Christoph Schröder">Hans-Christoph Schröder</a>: <i>George Orwell. Eine intellektuelle Biographie.</i> Beck, München 1988. S. 264.</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">George Orwell: <cite style="font-style:italic">Wells, Hitler and the World State</cite>. In: John Carey (Hrsg.): <cite style="font-style:italic">George Orwell Essays</cite>. Everyman’s Library, New York / London / Toronto 2002, ISBN 978-1-85715-242-5, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>367–373</span>.<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Doppeldenk&amp;rft.atitle=Wells%2C+Hitler+and+the+World+State&amp;rft.au=George+Orwell&amp;rft.btitle=George+Orwell+Essays&amp;rft.date=2002&amp;rft.genre=book&amp;rft.isbn=9781857152425&amp;rft.pages=367-373&amp;rft.place=New+York+%2F+London+%2F+Toronto&amp;rft.pub=Everyman%E2%80%99s+Library" style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text">George Orwell: <cite style="font-style:italic">In Front of Your Nose</cite>. In: John Carey (Hrsg.): <cite style="font-style:italic">George Orwell Essays</cite>. Everyman's Library, New York / London / Toronto 2002, ISBN 978-1-85715-242-5, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>1043<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>ff</span>.<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Doppeldenk&amp;rft.atitle=In+Front+of+Your+Nose&amp;rft.au=George+Orwell&amp;rft.btitle=George+Orwell+Essays&amp;rft.date=2002&amp;rft.genre=book&amp;rft.isbn=9781857152425&amp;rft.pages=1043+ff.&amp;rft.place=New+York+%2F+London+%2F+Toronto&amp;rft.pub=Everyman%27s+Library" style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text">Renate Hutterer-Krisch: <cite style="font-style:italic">Grundriss der Psychotherapieethik: Praxisrelevanz, Behandlungsfehler und Wirksamkeit</cite>. Hrsg.: Renate Hutterer-Krisch. Springer Vienna, 2007, ISBN 978-3-211-30671-0, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>228<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>ff</span>. (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://books.google.de/books?id=nBr4sCSlZ6oC&amp;pg=PA228#v=onepage">eingeschränkte Vorschau</a> in der Google-Buchsuche [abgerufen am 29.&nbsp;Januar 2017]).<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Doppeldenk&amp;rft.au=Renate+Hutterer-Krisch&amp;rft.btitle=Grundriss+der+Psychotherapieethik%3A+Praxisrelevanz%2C+Behandlungsfehler+und+Wirksamkeit&amp;rft.date=2007&amp;rft.genre=book&amp;rft.isbn=9783211306710&amp;rft.pages=228+ff.&amp;rft.pub=Springer+Vienna" style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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